Neue Leitung zwischen pim®, Persönlichkeit und Pädagogik
Zwischen Vorgaben, Haltung und eigener Rolle
Leitung in einer Kita zu übernehmen bedeutet heute weit mehr als Organisation und Personalführung. Neue Leitungskräfte bewegen sich in einem komplexen Feld aus Qualitätsmanagement, pädagogischer Haltung, gesetzlichen Anforderungen, Teamdynamiken und persönlichen Ansprüchen. Gerade dort, wo bereits ein bestehendes QM-System etabliert ist, entsteht häufig die Frage: Wie finde ich meinen eigenen Stil, ohne Bewährtes zu verlieren?
In unseren Begleitungen bei pragma erleben wir, dass Leitung besonders dann wirksam wird, wenn sie die Balance zwischen Organisationsrolle, professioneller Haltung und persönlicher Authentizität gestalten kann. Das 3-Welten-Modell von Bernd Schmid bietet dafür eine hilfreiche Orientierung.
Leitung beginnt nicht bei der Position – sondern bei der Rolle
Eine neue Leitungsrolle bringt oft widersprüchliche Erwartungen mit sich:
- Das Team hofft auf Orientierung und Verlässlichkeit.
- Der Träger erwartet Umsetzung von Vorgaben.
- Eltern wünschen Transparenz und Sicherheit.
- Behörden prüfen Rahmenbedingungen und Betriebserlaubnisse.
- Die Leitung selbst möchte „echt“ bleiben und den eigenen Stil entwickeln.
Gerade in Einrichtungen mit bestehendem Qualitätsmanagement taucht schnell die Frage auf: „Wie viel darf ich verändern – und was muss bleiben?“
Hier hilft die Unterscheidung der drei Welten nach Bernd Schmid.
Das 3-Welten-Modell: Orientierung in komplexen Leitungsrollen
1. Die Organisationswelt
Hier geht es um Strukturen, Vorgaben und Rahmenbedingungen.
Dazu gehören:
- gesetzliche Anforderungen,
- neue Betriebserlaubnisse,
- Schutzkonzepte,
- Dienstpläne,
- Qualitätsmanagement,
- Evaluationen,
- Prozesse und Indikatoren.
Ein bestehendes QM-System schafft dabei Orientierung und gemeinsame Sprache. Es beschreibt nicht die Persönlichkeit einer Leitung, sondern beobachtbare Qualität im Alltag.
Eine Leitung muss deshalb nicht „alles neu erfinden“. Sie übernimmt zunächst Verantwortung für einen Rahmen, der bereits gemeinsam entwickelt wurde.
2. Die professionelle Welt
Hier steht die eigene pädagogische Fachlichkeit der Leitung zu inhaltlichen Fragen im Mittelpunkt. – Fragen sind zum Beispiel:
- Wie verstehe ich Bildung?
- Was bedeutet Partizipation konkret?
- Wie gestalte ich Beziehungen?
- Wie lebe ich Inklusion?
- Wie können Kinder Übergänge, Mahlzeiten oder Sprache gut erleben?
Gerade hier entsteht manchmal Spannung: „Passen die bestehenden Indikatoren (Teilprozesse) – also unser Qualitätsmanagementsystem: das pragma-indikatoren-modell (pim®) – eigentlich noch oder schon zum eigenen pädagogischen Verständnis?“
Qualitätsentwicklung bedeutet deshalb nicht starres Festhalten an Indikatoren (Teilprozessen) und die ihnen auf den Wertstufen zugeordneten Qualitätskriterien: Sie dürfen/sollen gemeinsam reflektiert, überprüft und weiterentwickelt werden.
3. Die private Welt
Leitung wird immer auch persönlich erlebt. Neue Leitungskräfte fragen sich oft:
- Wie bleibe ich authentisch?
- Wie gehe ich mit Unsicherheiten um?
- Wann positioniere ich mich?
- Wie viel Nähe oder Distanz braucht Führung?
- Wie finde ich meinen eigenen Stil?
Besonders herausfordernd wird dies, wenn jemand zuvor Teil des Teams war und nun Leitung des Teams oder der Einrichtung wird.
Authentische Leitung bedeutet dabei nicht, „einfach man selbst“ zu sein. Authentische Leitung bedeutet, die eigene Persönlichkeit bewusst in eine professionelle Rolle einzubringen.
Einrichtungen zwischen Bewahren und Verändern
Viele Einrichtungen stehen bereits in Veränderungsprozessen, wenn die neue Leitung startet:
- neue gesetzliche Anforderungen,
- Fachkräftemangel,
- neue Betriebserlaubnisse,
- Umbauten,
- veränderte Familienrealitäten,
- multiprofessionelle Teams,
- Digitalisierung,
- neue pädagogische Programme.
Gleichzeitig gibt es eine gewachsene Kultur, bestehende Konzepte und bewährte Routinen.
Die neue Leitung bewegt sich damit ständig zwischen:
- Onboarding von neuen Mitarbeitenden oder Themen und Bestandsschutz für Altbewährtes
- Innovation und Stabilität
- Neuausrichtung und Identität
Eine gute Prozess- und Qualitätsentwicklung fragt deshalb: „Was müssen wir ändern?“ – Und auch: „Was trägt uns bereits?“
Wenn Leitbilder lebendig werden!
Leitbilder wirken dann, wenn sie im Alltag spürbar werden – durch gemeinsame Werte, Prinzipien und Kriterien. Das schön formulierte Poster im Eingangsbereich gibt Auskunft über verabredete Qualität in Führungs- und Zusatzprozessen. Es zeigt:
- wie Teams miteinander sprechen,
- wie Konflikte bearbeitet werden,
- wie Kinder beteiligt werden,
- wie Übergänge gestaltet werden,
- wie Leitung mit Unsicherheit umgeht.
Oder wie es die Reformpädagogin Maria Montessori formulierte: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ – Und Janusz Korczak erinnerte daran: „Kinder werden nicht erst zu Menschen – sie sind bereits welche.“ Pädagogischen Haltungen brauchen Prozesse und Verabredungen um im Alltag anzukommen und wirksam zu werden.
Qualität als gemeinsame Verantwortung
Im pragma-Verständnis ist Qualität kein Kontrollinstrument gegen einzelne Fachkräfte oder die Leitung. Wenn Mitarbeitende die pädagogischen Kernprozesse und die Führungs- und Zusatzprozesse in der Befragung einordnen, bewerten sie nicht die Kolleg*innen oder die neue Leitung, sondern die gemeinsam zu gestaltende pädagogische Realität der Einrichtung.
Die Leitung hat dabei eine besondere Funktion: Sie moderiert, organisiert und gestaltet die Bedingungen, unter denen pädagogische Qualität neu entstehen oder weiter wachse kann.
Leitung als Resonanzraum
Leitung wahrnehmen bedeutet:
- Orientierung ermöglichen,
- Widersprüche halten,
- Dialog fördern,
- Entwicklung begleiten,
- Unsicherheit strukturieren,
- Qualität verstehbar machen.
Oder mit Loris Malaguzzi: „Ein Kind hat hundert Sprachen.“ Vielleicht gilt das auch für Organisationen?!? Und Leitung wahrnehmen besteht darin, Räume zu schaffen, in denen diese unterschiedlichen Stimmen hörbar bleiben.
Leitungscoaching: ein Raum zwischen Reflexion und Verantwortung
Gerade neue Leitungskräfte erleben häufig, dass fachliches Wissen allein nicht ausreicht. Die eigentliche Herausforderung liegt oft darin, unterschiedliche Erwartungen, innere Ansprüche und organisatorische Realitäten miteinander zu verbinden.
Leitungscoaching kann dabei ein wichtiger Resonanzraum sein.
Nicht als „Reparaturort“, sondern als professioneller Denk- und Entwicklungsraum.
Hier tauchen Fragen auf wie:
- Welche Leitung möchte ich sein?
- Wie positioniere ich mich gegenüber Team, Träger und Eltern?
- Wie gehe ich mit Widerständen oder Loyalitätskonflikten um?
- Welche bestehenden Strukturen tragen – und welche engen ein?
- Wie übersetze ich Qualitätsanforderungen in einen lebendigen Alltag?
Wir – das pragma-Team – unterstützen aktiv im Coaching und setzen dabei die drei Welten nach Bernd Schmid bewusst mit der Rolle der Leitung in Beziehung:
- die Anforderungen der Organisation,
- die pädagogische Professionalität,
- und die persönlichen Qualitäten der Leitungskraft.
Denn Leitung entsteht nicht „fertig“ mit einer Stellenbeschreibung. Sie entwickelt sich im Dialog, in Erfahrung und in der reflektierten Gestaltung von Beziehung, Verantwortung und Qualität.
