Zunahme der Gewalt in NRW-Kitas – Kibiz-Reform

Wie passt das zusammen? Schauen wir da mal etwas genauer hin: Zunächst einige empirische Hintergründe (I.), Formen der Gewalt von Fachkräften in der Kita (II.) und dann diesbezüglich die Einordnung der Kibiz-Reform (III.):

I. Studien zu Fehlverhalten und Gewaltvorfällen in Kitas

I. a Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA)

Das Bundeskriminalamt befragte 15.000 Männer und Frauen zwischen 18 und 85 Jahren zu ihren Erfahrungen von körperlicher, psychischer, sexualisierter und digitaler Gewalt in Partnerschaften, familiären und auch anderen alltäglichen Kontexten. Zunächst einmal zum Gewaltbegriff: Die Studie unterscheidet

  • psychische Gewalt (z.B. emotionale, kontrollierende oder ökonomische Gewalt),
  • körperliche Gewalt,
  • sexuelle Belästigung und Übergriffe sowie
  • Stalking und digitale Gewalt.

Hier einige Ergebnisse der sehr differenzierten Studie: Frauen sind nach wie vor deutlich häufiger als Männer von sexuellen Belästigungen und Übergriffen betroffen. So erlitten 62,3% der befragten Frauen sexuelle Belästigungen und 17,8% sexuelle Übergriffe; bei den Männern waren es 28,6% bzw. 4,3%. Beim Erleben psychischer Gewalt in (Ex-)Partnerschaften liegen die Geschlechter nah beieinander: Frauen bei 48,7% und Männer bei 40%, bei der körperlichen Gewalt ähnlich: Frauen bei 18%, Männer bei 14%. Und: „Jeder zweite Mensch in Deutschland erlebt laut Studie in seiner Kindheit Gewalt von seinen Eltern. Jedes dritte Kind wird Zeuge von häuslicher Gewalt zwischen Vater und Mutter. Diese Gewalterfahrungen erhöhen das Risiko, auch im Erwachsenenalter Opfer von Gewalt zu werden.“ (WAZ 11.2.2026) Das heißt, wir haben auch in der Kita eine Vielzahl von Kindern, die schon in ihrer Familie Gewalt erfahren haben.

I.b Gemeldete Gewaltvorfälle in NRW-Kitas

Kitas soll(t)en für die Kinder – gerade auch für die, die in ihren Familien Gewalt erfahren, aber natürlich auch für alle anderen Kinder – sichere Orte sein. Umso erschreckender ist es, dass die „Zahl gemeldeter Gewaltvorfälle in Kindertagesstätten in NRW 2025 im Vergleich zum Vorjahr um fast 80 Prozent gestiegen“ sind: „4.718 Übergriffe“ (WAZ 3.2.2026.). In NRW gibt es gut 10.000 Kitas. Wenn man davon ausgeht, dass es über die gemeldeten Fälle hinaus – der hohe Anstieg von 2024 auf 2025 wird auch damit zusammenhängen, dass die Meldedaten erst seit Oktober 2024 zentral erfasst werden – natürlich weiterhin ein Dunkelfeld – also Übergriffe, die in der Kita nicht zum Thema werden oder zumindest die Meldepflicht nicht befolgt wird – gibt, wird der Handlungsbedarf mehr als deutlich. Statistisch gesehen könnte, wenn das Dunkelfeld ähnlich groß wäre wie die die Anzahl der gemeldeten Fälle nahezu jede Kita betroffen sein?!?

I.c Fehlverhalten in Kitas – Studie

Ende des Jahres 2025 veröffentlichte die BertelsmannStiftung eine Studie zum Zusammenhang pädagogisches Fehlverhalten und der Qualität der Zusammenarbeit im Team. Es wurden über 20 tausend Fachkräfte online befragt zum Thema „Psychosoziale Belastung und Kinderschutz in der Kita“. Die Auswertung ergibt einen „dringenden Handlungsbedarf“. Deutlich weniger als die Hälfte (40,2%) der Befragten gaben an, dass sie in ihrer Einrichtungen nie oder fast nie ein Fehlverhalten gegenüber Kindern beobachten würden. Und: Die mit der Beobachtung von Fehlverhalten gegenüber Kindern verbundene Belastung der Fachkräfte nimmt deutlich zu, wenn dieses Fehlverhalten nicht im Team besprochen und bearbeitet werden kann. „Deswegen bedarf es einer wertschätzenden und respektvollen Kommunikation, eines Verhaltenskodex zu angemessenem Verhalten gegenüber den Kindern und eines kontinuierlichen Feedbacksystems zu gelungenen Interaktionen und auch (!) zu Fehlverhalten.“ Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Risiken für Fehlverhalten gegenüber Kindern in der Kita unmittelbar abhängig von der Qualität der Zusammenarbeit im Team und nur mittelbar von der Personalausstattung – ausführlich hierzu unser Blogbeitrag vom 10.012026 Teamarbeit in Kitas – Zentral-für Schutz und Wohlbefinden von Kindern.

II. Formen der Gewalt von Fachkräften in der Kita

Auf dem Klett Kita Portal finden wir einen prägnanten Beitrag: „Wenn die Fachkraft übergriffig ist – Gewalt in der Kita“. Hier ein kurzer Ausschnitt:

Welche Formen der Gewalt begegnen ihnen in Kitas am häufigsten? Am häufigsten kommt die emotionale Gewalt vor, denn die geht anderes Gewaltformen voraus. Doch die psychische mündet schnell in physische Gewalt. Das Kleinmachen, Beleidigen, nicht Ernstnehmen – Gewalt beginnt mit dem Wort. Und Wörterkanonen können sehr wehtun. Ein stark verbreitetes Problem in Kitas ist außerdem der Essenszwang. Wenn Sie zu mir nach Hause kommen und ich etwas gekocht habe, das Ihnen schon auf dem Teller nicht gefällt – wie würden Sie sich fühlen, wenn ich Ihnen dann ungefragt einen Löffel in den Mund schiebe? Sie sind zum Glück erwachsen und da gelten oft andere Regeln. Aber diese Regeln gelten eben auch bei Kindern! Denn Kinder sind eigenständige rechtliche Persönlichkeiten. Essenszwang ist ebenso wie Schlafzwang oder Toilettenzwang eine Form von Gewalt. Dabei ist es wichtig, dass Kinder ihre Selbstständigkeit lernen und diese Dinge selbstständig machen.“ Den vollständigen Beitrag finden Sie hier.

III. Einordnung der Kibiz-Reform

Die neue Familienministerin in NRW Verena Schäffer (Bündnis 90/Die Grünen): „Für die Landesregierung sei es oberste Priorität, Kinder vor Gewalt zu schützen. Das neu geschaffene Amt einer beauftragten für Kinderschutz und Kinderrechte werde Petra Ladenburger in Kürze antreten.“ (WAZ 3.2.2026) Sie werde aber an der von ihrer Vorgängerin Josefine Paul geplanten Reform des Kinderbildungsgesetzes (Kibiz) festhalten: „Ich finde das Modell und die Überlegungen grundsätzlich wirklich sehr richtig und gut.“ (WAZ 6.2.2026) Dabei geht es im Kern um zwei ganz wesentliche Änderungen:

  • Reduzierung der Kernbetreuungszeit auf 5 Stunden am Tag; in den sogenannten Randzeiten müssen keine ausgebildeten Erzieher*innen mehr eingesetzt werden.
  • Bei Personalausfällen können z.B. in einer Ü3-Gruppe bis zu 4 Kinder mehr in einer Gruppe (von 25 auf 29) betreut werden.

„Verena Schäffer glaubt, das neue Kibiz führe zu `mehr Stabilität und Verlässlichkeit´. Die Kitas könnten damit ihr Personal flexibler einsetzen und die Eltern stünden nicht mehr so oft vor verschlossenen Türen. „Unser Ziel ist es, dass sich die Eltern darauf verlassen können, dass die Kita geöffnet ist´, sagt Schäffer.“ (WAZ 31.1.2026) Versuchen wir das einmal einzuordnen:

III.a Hintergründe

Ein wesentlicher Hintergrund der Kibiz-Reform sind die durch den sich verschärfenden Fachkräftemangel und durch Überlastung bedingten Krankheitsausfälle von Fachkräften deutlich gestiegenen Reduzierungen von Öffnungszeiten sowie vollständige Gruppen- bzw. Einrichtungsschließungen. Hierzu: Dauerthema Kita-Notstand: „Mehr als 30.000 Meldungen zu fehlenden Fachkräften seien seit Jahresbeginn eingegangen. Von den insgesamt 11.309 Kitas in NRW seien 5.719 – also mehr als die Hälfte – von Schließungen wegen Personalausfällen betroffen. Weil einige Einrichtungen mehrfach betroffen waren, beziffert der Bericht die Gesamtzahl der Ausfälle auf 7.355.“ (Quelle wdr 8.12.2025 https://www1.wdr.de/nachrichten/landespolitik/neues-kibiz-gesetz-kita-plaetze-100.html) Insofern ist das Anliegen der Landesregierung, die Verlässlichkeit der Kita-Betreuung für die Eltern zu verbessern, nachvollziehbar, da sich die personelle Situation in den Kitas aufgrund des Fachkräftemangels in den nächsten Jahren nicht verbessern werde.

III.b Verschlechterung der personellen Situation

Das heißt die personelle Situation kann sich in den Kitas durch die Kibiz-Reform in zweierlei Hinsicht verschlechtern: Zum einen sinkt die fachliche Qualifikation der Betreuungskräfte in den Randzeiten gegenüber der 5-stündigen Kernzeit, und zum anderen steigt bei Personalausfällen die Betreuungsrelation, so dass z.B. 1 Fachkraft für bis zu 29 Ü3-Kinder zuständig sein kann. Wie kann oder wird sich das auswirken?

III.c Funktionalität der Teamarbeit

In unserem Blogbeitrag über die Bertelsmannstudie zur Teamarbeit in KiTas: Zentral für Schutz und Wohlbefinden von Kindern vom 10.1.2026 (siehe auch 1.c in diesem Blogbeitrag) haben wir darauf hingewiesen, „`dass eine personelle Verbesserung nicht `automatisch´ zum Abbau von Fehlverhalten führt, sondern nur wenn die Kommunikation und Zusammenarbeit im Team auf einem guten Niveau ist – also die Feedbackkultur implementiert und umgesetzt wird. … Um den Schutz und das Wohlbefinden von Kindern zu gewährleisten, können auf Teamebene mehrere Faktoren gemeinsam präventiv wirken: eine wertschätzende und respektvolle Kommunikation im Team, eine Leitungskraft, die Anliegen der Mitarbeitenden ernst nimmt und zeitnah reagiert, sowie regelmäßiges Feedback sowohl zu gelungenen Interaktionen als auch zu Fehlverhalten. In vielen Einrichtungen sind jedoch mehrere dieser Werte unzureichend ausgeprägt.´ Die Studie zieht diesbezüglich zwei Schlussfolgerungen: `Eine Verbesserung der personellen Besetzung (1) beeinflusst die Häufigkeit von Fehlverhalten nur indirekt über ihre Wirkung auf die Teamarbeit, und kann (2) das System durch ein erhöhtes Risiko von Fehlverhalten zusätzlich belasten, wenn sie nicht zu einer hohen Qualität von Teamarbeit beiträgt – etwa durch nicht ausreichend qualifiziertes neues Personal.´(S. 41) Aber auch: Eine personelle Unterbesetzung kann durch Überlastung der Fachkräfte trotz guter Teamarbeit zu einem mehr an Fehlverhalten führen, weil der situative Handlungsdruck die passgenaue  Abstimmung der Interaktion auf das jeweilige Kind einschränkt/verhindert bzw. die einzelne Fachkraft unreflektiert und übergriffig agiert.“

III.d Risiken für Fehlverhalten und Kinderwohlgefährdung

Das bedeutet mit Blick auf die möglichen Auswirkungen der Kibiz-Reform und den in der Bertelsmannstudie nachgewiesenen Handlungsbedarf hinsichtlich der Qualität der Teamarbeit in mehr als der Hälfte aller Kindertageseinrichtungen, dass das Fehlverhalten gegenüber Kindern und die Risiken von Kindeswohlgefährdung zunehmen werden. Insofern kann man der Einschätzung von Philipp Stewart, Gewerkschaftssekretär bei Verdi, durchaus folgen: “`Die Stimmung in den Kitas in NRW ist aggressiver geworden. Das spürt man in den Kitas jeden Tag, und das wird durch unserer Befragungen immer wieder bestätigt´. Wenn Beschäftigte permanent überlastet seien, sich allein gelassen fühlten und ihre professionellen Kompetenzen nicht mehr einsetzen könnten, entstünden Risikofaktoren für Gewalt.“ (WAZ 3.2.2026)

Fazit

Insofern steht die Kibiz-Reform im Gegensatz zur Aussage der Familienministerin Verena Schäffer „Für die Landesregierung sei es oberste Priorität, Kinder vor Gewalt zu schützen.“ (WAZ 3.2.2026)- Nein: Es geht prioritär darum, die Verlässlichkeit der Kinderbetreuung für die Eltern zu verbessern! Das ist ja in der Tat auch wichtig! Aber es geht zu Lasten der Kinder und der Fachkräfte, solange die Rahmenbedingungen nicht deutlich verbessert werden. Leider?!? Warum ist das so? Aufgrund der Schwerpunkte der schwarz-grünen Landesregierung in NRW, der sich verschlechternden Haushaltslage sowie der weiteren Verschärfung des Fachkräftemangels zumindest bis Anfang der 30er Jahre werden sich die Personalschlüssel in den Kindertageseinrichtungen sich eher noch verschlechtern. – Im Frühjahr 2027 sind die nächsten Landtagswahlen in NRW?!? – Trotz der unzureichenden Personalausstattung sollten Träger, Leitungen und Fachkräfte gerade mit Blick auf das Wohlbefinden ihnen anvertrauten Kinder und deren Schutz ihre Gestaltungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Teamarbeit maximal nutzen. Es geht um die kooperative organisatorische und fachliche Steuerung im System Kita – siehe hierzu die Handlungsempfehlungen der Bertelsmannstudie in unserem Blogbeitrag vom 10.01.2026 Teamarbeit in Kitas und die Ausführungen auf unserer Website www.pragma-pim.de/angebote/. Und darüber hinaus geht es um die Vorbereitung der Teams auf den den Umgang mit Krisenszenarien sowie die einrichtungsbezogene Einbindung der Elternschaft – ausführlich hierzu unser Blogbeitrag vom 23.10.2023 BASISQUALITÄT und KRISENSZENARIEN: Das Beste aus einer schlechten Situation machen!?! sowie unsere Veröffentlichungen Krisenszenario Personalausfälle – Vorbereitung und Umgang (Teil 1) u. Kooperation mit Eltern (Teil 2). In: KiTa aktuell Heft 5 u. 6/2024.

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